Wenn die Panik vor einem Zahnarztbesuch größer ist als das Loch im Zahn.

Dass ein demnächst anstehender Zahnarztbesuch im Vorfeld nicht die größten Glücksgefühle in einem auslöst, stellt leider die bittere Realität eines Zahnarztes dar. Der Zahnarzt kann noch so nett sein. Man mag ihn einfach nicht. Weil er eben das tut, was er von Berufs wegen tut!
Die Wenigsten kommen, weil sie die typische Geräuschkulisse auf dem Zahnarztstuhl so sehr schätzen, den Geruch von Desinfektionsmittel so sehr lieben, geschweige denn die Maßnahmen, die nur punktuell „Wellnessgefühle“ der Verzückung bei dem Patienten wecken, so sehr braucht. Sind wir mal ganz ehrlich: Die Mehrheit kommt, weil sie irgendwie muss – aus Gründen der Vorsorge, des Schmerzes, des Unwohlseins beim Kauen und Beißen oder der vorbildlichen Verantwortung des Mundraums gegenüber.

Doch es gibt sie auch, die Patientinnen und Patienten, die bereits bei der bloßen Vorstellung eine Zahnarztpraxis betreten zu müssen in panische Angst verfallen. Bei dem bloßen Gedanken daran bekommen Sie Schweißausbrüche, Herzrasen und Atemnot. Jeder Zehnte empfindet mehr als nur weit verbreitetes Unbehagen beim Zahnarzt. Bei der so genannten Dentalphobie ist die Patientin oder der Patient meist einer langen Leidenszeit ausgesetzt – sowohl in physischer als auch psychischer Hinsicht.
Meist auf Grund von traumatischen Kindheitserlebnissen oder einer negativen Prägung des sozialen Umfeldes in der Vergangenheit, empfinden Betroffene Gefühle des Gelähmt/- Ausgeliefertseins und der Ohnmacht.
Lieber nehmen Sie jahrelang Schmerzen in Kauf, beschränken sich auf weiche Lebensmittel, nehmen über Monate hinweg Schmerzmittel oder Kauen nur einseitig, als dass Sie sich über überwinden könnten sich Erleichterung zu verschaffen. Die massive Einschränkung der Lebensqualität ist der Dentalphobie untergeordnet. Bis es nicht mehr auszuhalten ist und die Schamgefühle der ‚dentalen Vernachlässigung‘ Überhand nehmen.

Es ist schlimm, was Sie aushalten!

Was die Betroffenen benötigen, ist ein empathisches, soziales Umfeld, welches zunächst Verständnis für die massive Angst aufbringt (Akzeptanz), um den Leidenden dann zu ermutigen sich umgehend Hilfe zu suchen. Der negative Teufelskreis und die immer weiter ansteigende Angstkurve muss unterbrochen werden.

Wenn ich darf, würde ich Ihnen gerne den ein oder anderen Haltepunkt mit auf den Weg geben, der Sie sukzessive ermutigt einen neuen Lebensabschnitt zu wählen. Die Angstbilder aus dem Kopf sollten schrittweise durch Positiverfahrungen beim Zahnarzt ersetzt werden, damit sie am Ende nicht mehr schamhaft sondern freudvoll in die Welt lächeln können.

Alles entscheidend ist die richtige Zahnarztwahl. Seien Sie wählerisch und schauen Sie zunächst, ob die Chemie zwischen Ihnen, dem Behandelnden und dem Praxisteam stimmt, ob Ihnen Respekt, Wertschätzung und Verständnis für Ihr Problem entgegen gebracht wird. Vertrauen zu Ihrem Zahnarzt ist oberstes Gebot. Gleich am Telefon wäre es ratsam darauf aufmerksam zu machen, dass Sie eine Angstpatientin/ ein Angstpatient sind. Wenn Sie sich überwinden, ist ein möglichst zeitnaher Termin sehr sinnvoll. Nicht selten gibt es auch Zahnärzte, die sich mit der Thematik Dentalphobie ausgiebig auseinander gesetzt haben. Fragen Sie nach! Die Reaktion darauf ist entscheidend. Das sind die richtigen Ansprechpartner für Ihre spezielle Situation, die viel Einfühlungsvermögen benötigt.

Haben Sie den grandiosen Schritt gewagt, auf dem Zahnarztstuhl zu sitzen, formulieren Sie Ihre Ängste. Nur über ein ‚Outing‘ kann Ihnen die Fürsorge entgegen gebracht werden, die Ihnen gut tut. Auch im Vorfeld gibt es in der virtuellen Welt Foren, die mit gleichen Angststrukturen kämpfen. Die Erfahrung mit dem eigenen Leid nicht alleine zu sein, kann sehr wohltuend und motivierend wirken. Auch Erfolgserlebnisse anderer Betroffener kann Sie sehr stärken!
Es spricht auch nichts dagegen bei der ersten Sitzung nur eine Beratung zu bekommen, um dann bei einem neuen Termin eine erste Durchsicht im Mund zu wagen. SIE sind der Gradmesser. Je nach Wohlbefinden geben Sie das Tempo vor. Die Kontrolle liegt bei Ihnen!

Ratsam ist, es sich von engen Freunden und Vertrauten begleiten zu lassen. Bestenfalls jemand, der keine Angst vor dem Zahnarzt hat. Dieser kann je nach eigenem Wunsch im Wartezimmer warten oder Sie mit ins Behandlungszimmer begleiten.

Machen Sie sich selbst klar, ob es sich bei Ihrer Angst um eine Allgemeine oder eher um eine Spritzenangst handelt. Nicht selten stellt sich bei dem ausführlichen Gespräch heraus, dass die Patienten eher vor einer Spritze als vor der Behandlung selbst Angst haben. Es kann in dem Fall helfen spezielle Betäubungssprays, um den Einstich schmerzfrei zu halten, zu verwenden. Der Zahnarzt muss es nur wissen. Deshalb ist Kommunikation alles.

Unabhängig von Angstpatientinnen und Patienten, ist mir die Vereinbarung von Handzeichen ein wichtiges Mittel, um auch während der Behandlung gut für den Patienten zu sorgen. Da der Behandelte auf dem Stuhl mit geöffnetem Mund schwerlich sprechen kann, ist er der Situation dennoch nicht hilflos ausgeliefert. Über ein ausgemachtes Signal soll er Unwohlsein, etwaige Fragen, den Wunsch nach Pausen oder Beschwerden jeder Art immer äußern dürfen. Der Zahnarzt Ihres Vertrauens wird Ihnen zuhören, Sie ernst nehmen und einfühlsam mit Ihren Bedürfnissen umgehen. Dazu gehört auch ein kleinschrittiges Vorgehen und dieAufklärung über einzelne Behandlungsschritte.

Lenken Sie sich ab! Um Ihnen den schweren Gang zu erleichtern, ist es überhaupt nicht verwerflich, über Kopfhörer Ihre Lieblingsmusik während der Behandlung zu hören. Schließlich klingt das typische Geräusch der Zahnsteinentfernung, beispielsweise, nicht unbedingt wie Beethovens schönste Symphonie. Es gibt mittlerweile moderne Praxen, die sogar mit einem Fernseher an der Wand aufwarten können. Da erleben Sie Ihre Lieblingsserie aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Es klingt banal, doch in der Vorbereitung sind simple Entspannungstechniken ebenfalls sehr hilfreich. Wenn Sie während der Behandlung richtig atmen oder erlernte Entspannungskniffe abrufen können, haben Sie viel erreicht. Sie werden überrascht sein, wie Sie über die Fokussierung auf Ihr ICH die Behandlung erträglicher empfinden. Mittlerweile übernehmen Kassen auch Kurse für progressive Muskelentspannung , Autogenes Training oder Yoga. Unter Anleitung bekommen Sie dort hilfreiche Rezepte für Ihre persönliche Entspannung in größter Anspannung an die Hand. Meist mit Erfolg!

Als letztes Mittel finden Vollnarkose, Dämmerschlaf und Hypnose im Zusammenhang ‚Dentalphobie‘ oft Erwähnung. Ich warne jedoch besonders vor der Sedierung in vollem Umfang. Gedanklich stellt es zwar eine Erleichterung dar nichts von der Behandlung mitbekommen zu müssen. Jedoch ändert dies nichts an Ihrer grundlegenden Angst. Vielmehr gilt es sich der Angst zu widmen und sie aufzuarbeiten (gegebenenfalls auch durch Psychotherapie). Denken Sie nicht, dass Sie den Zahnarztbesuch ‚überlebt‘ haben, weil Sie nichts davon mitbekommen haben, sondern weil Sie sich Ihrer Angst bewusst gestellt haben. Nur darauf können Sie nachhaltig aufbauen und Ihrem Leben die bereichernde Wende schenken.

Es ist bewundernswert, dass Sie über die eigene Akzeptanz einen langen Weg der Heilung einschlagen. Probleme im Mund kann man beheben, der Zahnarzt wurde dazu ausgebildet. Ein Handwerk, das fernab der Emotion liegt, wenn man den Menschen außer Acht ließe.
Doch das, was sie empfinden und ängstigt ist unbedingt ernst zu nehmen. Je offener Sie sind, desto mehr Feingefühl kann man Ihnen entgegen bringen.
Die schwere Last, die Sie in sich tragen, kann von Außen jedoch nicht kuriert werden. Sie sind es ganz allein, die sich aus eigener Kraft und Willensstärke einem besseren und gesünderem Lebensstil zuwenden muss. Unvorstellbar, was Sie leisten müssen! Doch Sie schaffen das!

Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass es leicht wird sich zu überwinden. Was ich Ihnen aber versprechen kann, ist dass ich Sie behutsam begleiten werde. Kleinschrittig, achtsam und nahbar.

Denn Sie sind mir wichtig.

Von Herzen,
Ihre Dr. Mareike Pietsch